Seegeschichten von Kapt. Erwin Schwarz

Seegeschichten 5

Reise nach China - Albatros und Meeresleuchten

"Señor Secundo, was ist denn das? Sehen Sie nur, la Luna, der Mond, wie liegt am Himmel? Auf dem Rücken, sieht aus wie baño, Badewanne, wie kommt denn das? ist richtig so?" fragte mich der spanische Leichtmatrose auf meiner Wache, er war ganz aufgeregt. Es war eine sternklare Nacht, zwei Tage nach der Überquerung des Äquators, etwa auf 8º südlicher Breite und 2º westlicher Länge. Der Mond war so gegen 0200 Uhr aufgegangen, er war im letzten Viertel und die Sichel lag tatsächlich ganz behaglich auf dem Rücken und schwamm sozusagen zwischen den Sternen umher. Für mich sah es eher nach einer eleganten venezianischen Gondel aus - ein wunderschöner Anblick war das. Aber nun erkläre dieses Phänomen mal einem Leichtmatrosen der von Astronomie sicher nicht allzu viel Ahnung hat, und, in welcher Sprache überhaupt; spanisch reichte bei mir nicht und deutsch reichte bei ihm nicht, englisch vielleicht oder alles gut durchmischt? Und dann, wusste ich überhaupt genug um das irgend jemand verständlich erklären zu können? Es war eine gute Portion räumliches Vorstellungsvermögen nötig um die Zusammenhänge dieser Sache zu begreifen. Ich wollte es gar nicht erst versuchen um mich nicht zu blamieren und beruhigte ihn also damit, dass ich ihm versicherte, dass in Äquatornähe andere Regeln für die Mondphasen gälten und wenn wir nun immer weiter nach Süden kämen würde die Sichel bald wieder senkrecht stehen wie gewohnt, allerdings wäre die alte Eselsbrücke Z für zunehmenden Mond und A für abnehmenden Mond nichts mehr wert, vielmehr verhielte es sich nun genau umgekehrt. Er schüttelte nur den Kopf und glaubte mir sicher kein Wort. Ich aber versprach mir selbst, in den Büchern nachzusehen ob es nicht eine Möglichkeit gäbe diese Geschichte in einfachen Worten zu erklären.

 

   
 

Die "schwimmenden" Mondsichel auf ungefähr 8º S

 
     
Türkei (mittlere Breite 40ºN) Pakistan (mittlere Breite 26ºN) Mauretanien (mittlere Breite 18ºN)

Das Erscheinungsbild der Mondsichel ist aber nicht das Einzige das sich ändert auf der Reise von der nördlichen Hemisphäre in die südlicher gelegenen Weltgegenden, wo die Menschen ja auf dem Kopf stehen und die Füße der Leute in Neuseeland den unsrigen in Schleswig Holstein ziemlich genau gegenüber stehen, antipodisch eben.
Die Jahreszeiten verkehren sich in ihr Gegenteil. Der Wind weht mit dem Uhrzeigersinn in ein Tiefdruckgebiet hinein statt entgegengesetzt wie bei uns. Aus dem stetigen Nordostpassat der nördlichen Halbkugel wird nach Überwindung der Mallungen der stetige Südostpassat der südlichen Halbkugel. Die Zugbahnen der tropischen Wirbelstürme (genannt Willy Willies um Australien herum oder Mauritius Orkane im mittleren Indischen Ozean) verlaufen zwar anfangs auch von Ost nach West wie die der Taifune und Hurricane, biegen dann aber auf ihrer Parabel nach Südosten ab statt nach Nordosten. Und die Sonne? die kulminiert mittags im Norden statt wie gewohnt im Süden.
Am nächtlichen Himmel steigen nach und nach Sterne und Sternbilder auf, die im Norden nie zu sehen sind. Die fremdartig anmutenden Namen für die hellen Fixsterne, für die Navigation brauchbar und wichtig, sind zumeist arabischen Ursprungs; die Karawanenführer wussten schon in sehr alter Zeit die festen Punkte am klaren Wüstenhimmel zur Navigation auf dem weglosen großen Sandmeer zu nutzen.
Der hellste Stern des südlichen Himmels hat gleich zwei Namen, "Canopus", nach dem Steuermann des Königs Menelaos aus der griechisch/ägyptischen Mythologie, und "Suhail", was arabisch ist und einfach "prachtvoll" oder "herrlich" bedeutet. Da es noch einen anderen Stern gleichen Namens gibt, hat sich "Canopus" bei uns in den nautischen Tafeln und den Ephemeriden durchgesetzt. An Helligkeit und Glanz kann dieser Hauptstern im Sternbild "Schiffskiel" es durchaus mit unserem Hundsstern,  "Sirius", aufnehmen.
Nicht zu übersehen ist das prachtvolle "Kreuz des Südens", das langsam immer höher steigt und mit seinem Strahlen den Sternhimmel beherrscht. Ein bisschen schief ist es ja, das Kreuz, das tut aber seiner Schönheit keinen Abbruch. "Bäten scheiv het Gott leiv" heit dat je woll. Das Erkennen von Sternbildern erfordert eh einen erheblichen Aufwand an Fantasie.
Einen für die Navigation vergleichbar nützlichen Himmelskörper wie unseren Polarstern sucht man am südlichen Himmel leider vergebens; die Gegend um den südlichen Himmelspol ist frei von hellen Sternen, erst in einem Winkelabstand von etwa 20º wird der erste helle Stern sichtbar (ß carinae).

 
Das Kreuz des Südens

 

Die Flagge Australiens (mit gleich 2 Kreuzen)

Es wird einsamer auf See; es kann vorkommen, dass wochenlang kein Schiff in Sicht kommt, die viel befahrenen Handelsrouten verlaufen nun mal auf dem Nordteil unser Erdkugel (Europa, Nord Amerika, Ostasien) und trotz der Sperrung des Suezkanals sahen wir bis zum Cap kein anderes Fahrzeug als unser eigenes. In der großen Weite verlief sich auch der zeitweise vergrößerte  Verkehrsstrom schnell. Bei einer Augeshöhe von 15 m ist die Kimm eben nur etwa 7 Meilen weit weg, und wenn man eine Höhe von je 15 m über dem Meeresspiegel für den Beobachter und für das beobachtete Schiff annimmt, dann kann man dieses Schiff in 16 Meilen Distanz ausmachen,alles was weiter entfernt oder von geringerer Höhe ist, sinkt schon unter den Horizont.
Wenn es auch an Gesellschaft von anderen Schiffen mangelte, so waren wir doch nicht allein hier auf See. Die Wesen, die hier im und über dem großen Wasser zu Hause sind, waren immer um uns herum, man musste nur Augen haben um zu sehen. Delfine sahen wir fast täglich, mit Vorliebe spielten sie in der Bugwelle so nah wie möglich am Schiff, berührten es aber nie. Mühelos konnten sie stundenlang mit unseren 12 Knoten Schritt halten. Als ich in späteren Jahren einmal auf einem 23 Knoten schnellen Containerschiff fuhr, konnten sie auch diese Geschwindigkeit mühelos halten, allerdings nicht so lange. Auf der Back zu stehen und über die Verschanzung hinweg diese Spielereien in der schäumenden Welle zu beobachten war eine willkommene Zugabe zum auch sonst schon schönen und gar nicht langweiligem Leben auf See. Manchmal begleiteten uns große Schulen dieser eleganten Kleinwale in geringem Abstand querab und vollführten die tollsten Sprünge, drehten Pirouetten in der Luft und klatschten oftmals platt mit dem Bauch auf das Wasser. Die pure Lebensfreude! und immer wieder eine Lust anzuschauen, man konnte meinen, sie wüssten dass wir ihnen zusahen und vollführten deshalb extra diese waghalsigen Zirkuskunststücke aus lauter Angeberei.
Fliegende Fische waren häufig und wenn das Schiff stark rollte und der Freibord dadurch abwechselnd auf jeder Seite zeitweise geringer wurde, fand man öfter mal welche an Deck, besonders morgens. Die Spanier sammelten sie dann ein und brieten sie zum Frühstück - ein Leckerbissen. Später, als die Reederei auch Seeleute von den Gilbert Islands (heute Kiribati & Tuvalu) beschäftigte, war es deren Privileg die Fische einzusammeln. Die Insulaner verzehrten sie dann manches mal gleich an Ort und Stelle, roh, wie sie es von ihren pazifischen Inseln her gewohnt waren.
Auch Wale, die auf ihren unendlichen Wanderungen unseren Kurs kreuzten oder auch eine Zeitlang mit uns liefen, waren keine Seltenheit. Majestätisch zogen sie ihre rätselhaften Bahnen von ihren Futterplätzen zu ihren Paarungsplätzen und wieder zurück.Bei manchen Arten liegen diese Plätze tausende von Meilen auseinander. Die Blasfontänen waren weit zu sehen und das Geräusch der ausgeblasenen Luft deutlich zu hören. Auch sie kamen manchmal nahe ans Schiff und tauchten nur selten einmal weg. Diese Zutraulichkeit nutzten seit je die Walfänger weidlich aus und hätten es wirklich fast geschafft diese Lebewesen gänzlich auszurotten. Außer Gefahr sind die Wale immer noch nicht.
Eine seltsam anmutende Kreatur ist eine Quallenart, die von der Natur mit einem Segel ausgerüstet wurde und mit dessen Hilfe auf den Weltmeeren umherkreuzt: Die "Portugiesische Galeere", von den Holländern auch "Besantje" genannt. Dieses Tier (genauer gesagt diese Tiere, denn es handelt sich um eine Staatsqualle, einem Verbund von hochspezialisierten Einzelwesen also) schwimmt an der Oberfläche, die Fangtentakel hängen im Wasser und das durchscheinende Segel steht aufgerichtet über dem Wasser und sorgt für die Ortsveränderung. Abtauchen kann diese Qualle aber auch. Sie ist recht häufig und in subtropischen und tropischen Gegenden überall zu finden. Ihr starkes Nesselgift soll lebensgefährlich sein.

Delphine in der Bugwelle Fliegender Fisch
   
Wal Ho! Portugiesische Galeere unter vollen Segeln

Das Wetter wurde rauer, der Südostpassat, der bisher so mit Stärke 4-5 geweht hatte, frischte bis Sturmstärke 8 Beaufort auf und die gute "Ingrid" ächzte und stöhnte und kämpfte sich mühsam mit nur noch 7-8 Knoten voran. Gischt und Spritzwasser hüllten das ganze Schiff ein und manchmal guckte auch Rasmus persönlich über die Verschanzung und überspülte Deck und Luken mit vielem grünen Seewasser. Die Wassertemperatur war schon auf 17º gefallen, der kalte Benguelastrom zeigte Wirkung.

Der erste Albatros kam in Sicht, auf Position 24º S, 11º 30’ E, das ist etwa querab von Lüderitz Bay in Angola. Dieser prachtvolle Vogel begleitete uns dann mit mehreren anderen, die später noch hinzukamen, bis um das Kap herum und noch über 1000 Meilen in den indischen Ozean hinein. Insgesamt 1 Woche war er um uns herum, leicht zu erkennen an einer weißen Spitze am rechten Flügel. Tagsüber trieb er sich immer hinter dem Schiff über dem Kielwasser herum als ob er, wie die anderen Seevögel auch, nach fressbarem Abfall Ausschau hielt. Allerdings sah ich ihn nie etwas vom Wasser aufnehmen und er ließ sich auch nicht auf dem Wasser nieder, jedenfalls tagsüber nicht. Kaum dass er einmal die Schwingen, die gewiss 2  - 3 m überspannten, bewegte. (Ich lernte dann später, dass diese Vögel große Schwierigkeiten haben, fressbares im Fluge vom Wasser aufzunehmen. Sie ernähren sich vielmehr hauptsächlich von kleinen Kalmaren und kleinen Fischen, die nachts an die Oberfläche steigen. Die Albatrosse wassern dann und fangen und fressen ihre Beute während sie schwimmen.)

Jeden Abend aber, wenn die Sonne untergehen wollte, veränderte dieser große Vogel seine Position. Er begann das Schiff zu überholen, ohne Flügelschlag wohlgemerkt, kam ganz langsam an Backbord auf, hielt sich dann für eine ziemliche Weile in Höhe der Brückennock und gab mir so Gelegenheit ihn ganz aus der Nähe zu betrachten, während er seinerseits mit seinem großen, dunklen Auge, das von einer schwarzen Braue überwölbt war, herüberstarrte. Alles lautlos und ohne Bewegung, er schwebte einfach nur so neben uns her und starrte. Nach diesem kurzen Höflichkeitsbesuch, zum "High Tea" sozusagen, legte er wieder etwas an Geschwindigkeit zu bis er sich kurz vor dem Steven elegant auf die Seite legte, sich auf die Steuerbordseite begab und dort nun schnell wieder achteraus trieb ohne weiteren Aufenthalt; das ganze Manöver wiederholte sich noch 1 oder 2 mal bis es ganz dunkel war. Am nächsten Morgen war er dann wieder an gewohnter Stelle zu finden, über dem Kielwasser, wo er seine zahlreichen geringeren Untertanen, hauptsächlich Kaptauben, gewöhnliche Möven und anderen kleine Sturmvögel, dabei beaufsichtigte, wie sie sich in ungeordneten Haufen und mit viel Spektakel um den Inhalt unserer Fulbraß balgten.

Albatros schwebend Die Flügelspitze berührt fast das Wasser

Am 7. September mittags stieg der Tafelberg aus dem blauen Dunst, das Wetter war gut, die Sicht hervorragend, abends gegen 1800 Uhr wurde das Kap der Guten Hoffnung in 10 Meilen Abstand passiert und am nächsten Morgen gegen 0300 Uhr auf meiner Wache der südlichste Punkt Afrikas, das Cap Agulhas, in nur 5 Meilen Abstand gerundet. Von hier wurde Kurs abgesetzt auf Kap Receiffe bei Port Elizabeth, immer nahe an der Küste entlang, um nicht ins Zentrum des starken, genau gegenan setzenden Agulhasstromes zu geraten. Von Cap Receiffe sollte dann auf dem Großkreis zur Sundastraße zwischen Sumatra und Java versegelt werden. Der Kurs führte nahe an den zu Australien gehörenden Kokosinseln vorbei.

über Freitag, den 8. September 1967, sagt das Tagebuch:
Südlicher als das südlichste Afrika. Herrliches Wetter heute, eine leichte achterliche Brise, etwas Dünung aus SW, strahlende Sonne den ganzen Tag. An backbord die Berge Afrikas, an der Steuerbordseite in einiger Entfernung natürlich (3500 sm) der Südpol. Reichlich Verkehr hier, fast wie im englischen Kanal; langweilig wird die Wache nicht. Aber! Fast alle Schiffe sind schneller als wir, laufend werden wir überholt, wir überholen nie jemand, dabei ist die Ingrid sooo alt ja noch gar nicht, mit gut 13 Jahren im besten Alter eigentlich.

Auf der Nachtwache ein fulminantes Meeresleuchten. Längsseits sah es aus als wenn unter Wasser laufend Leuchtbomben explodierten. Sich schnell ausdehnende grünliche Lichtsphären quollen nach oben und dehnten sich an der Oberfläche weiter zu großen Scheiben von ca. 100 m Durchmesser aus um dann schnell zu verlöschen. Dann gab es leuchtende Räder mit Speichen, die sich im Uhrzeigersinn drehten und sich plötzlich in lange Wellenzüge auflösten, es erinnerte mich an das Verhalten von Nordlichtern, geisterhaft und unvorhersehbar, faszinierend und großartig. Torpedoförmige Gebilde schossen durch das Wasser und dazwischen immer wieder die aufquellenden Leuchtkugeln. Unsere Bugwelle war deutlich mit einem scharfen grünen Rand versehen der noch lange nachleuchtete. Eine schnurgerade breite Straße lag grün schimmernd hinter dem Schiff, das Kielwasser. Nahebei passierende Schiffe hatten einen leuchtend grünen Schnurrbart der sich in der ganz und gar unbewegten, glatten See widerspiegelte. Millionen von allerkleinsten Organismen, das Zooplankton, sorgten für dieses prachtvolle Unterwasserfeuerwerk. Wem es vergönnt ist dieses Naturwunder betrachten zu können, der ist vom Glück begünstigt und so fühlte ich mich auch: vom Glück begünstigt.

Morgen früh werden wir querab von Cap Receiffe sein, Afrika achteraus lassen und uns auf den Großkreis zur Sundastraße begeben, Anfangskurs rw 79º. Distanz 4660 sm.

Tschüss und fröhliche Weihnachten euch allen.

 

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Reise nach China - Rakatoa

Zu den Obliegenheiten eines 2. Steuermanns gehörte es auch, vor Beginn einer Reise die notwendigen Seekarten, Seehandbücher und andere nautischen Hilfsmittel auf Vollständigkeit und auf dem neuesten Stand befindlich zu überprüfen. Fehlendes musste beschafft und Veraltetes ersetzt werden. Sodann hatte er alles für die bevorstehende Reise benötigte in geordneter Weise klarzulegen. Bei den Karten kam der Übersegler und der Stromatlas obenauf. Der Kapitän konnte sich so schnell einen Überblick über mögliche Reisewege verschaffen, zeichnete auch wohl schon mal verschiedene Kurse in den Übersegler ein und überließ es dann dem Steuermann, die Distanzen auszurechnen und unter Berücksichtigung von zu erwartendem Wetter und Stromverhältnissen die günstigste Route vorzuschlagen.
Für den ersten Teil der Reise im Atlantischen Ozean, gab es keine große Auswahl. Der Suezkanal war als Folge des 6-Tage Krieges geschlossen und so musste Afrika umrundet werden. Für den zweiten Teil der Reise über den Indischen Ozean musste entschieden werden, ob Kurs auf die Malaccastraße oder die Sundastraße abgesetzt werden sollte um in das Südchinesische Meer zu gelangen. Der Weg durch die Malaccastraße und dann an Singapore vorbei ist um ca. 200 Seemeilen länger, dafür ist das Fahrwasser sehr gut vermessen und befeuert und navigatorisch einfacher allerdings auch sehr verkehrsreich. Die Sundastraße war damals nur schlecht befeuert und wurde nur noch wenig benutzt solange der Suezkanal offen war. Dieser Reiseweg reizte natürlich dadurch und auch durch die zu erwartenden landschaftlichen Schönheiten viel mehr und es gelang mir zusammen mit dem 3. Steuermann den Kapitän zu überzeugen, diesen ja soviel günstigeren Kurs zu nehmen.

Beim Zusammenstellen der Reisekarten geriet ich schon beim Lesen der vielen fremden, aber wunderschönen Namen ins Schwärmen: Sumatra, Java und Borneo die großen Inseln; Bangka, Belitung, Karimata, Tambelan und Serasah, um nur einige der Kleineren zu nennen. Durchfahrten wie Gasparstraße, Karimatastraße, Selat Selat Galeasa, Serasanstraße. Ganz besonders aber weckten mein Interesse die Keeling Islands (Cocos Islands), ein Korallenatoll weit vor der Sundastraße (ca. 700 Seemeilen) einsam im Indischen Ozean gelegen und Rakatoa, nur ein Fliegenschiss auf der Seekarte, kurz vor der engsten Stelle der Sundastraße.

Zuerst also ein Weniges über die Keeling Inseln. Im Seehandbuch der britischen Admiralität über den Ostindischen Archipel fand ich folgendes: "1609 vom englischen Capt.Keeling der britschen Ostindien Compagnie entdeckt aber nicht in Besitz genommen". Später von den Holländern besiedelt mit einigen Europäern und deren malayischen Leibeigenen. Irgendwie brachte der schottische Verwalter Clunies-Ross das gesamte Atoll auf zweifelhafte Weise an sich, regierte autoritär mit eigenen Gesetzen und machte sogar sein eigenes Geld. 1967, als wir die Inseln mit der "Ingrid" passierten, befanden sie sich immer noch im Privatbesitz eines Clunies-Ross (allerdings jetzt unter australischer Oberhoheit) und wurden recht feudalistisch regiert, nach Gutsherrenart. Im 1. Weltkrieg hatte sich sogar die deutsche kaiserliche Marine mit dem sehr bekannten Kreuzer "Emden" zu diesen Inseln verirrt und der Kreuzer, immerhin das famoseste deutsche Kriegsschiff jener Zeit, fand dort ein rühmliches Ende durch ein australisches Kriegsschiff, den Kreuzer "Sydney". Die Besatzung der "Emden" setzte ihr Schiff auf ein Riff und ließ sich gefangen nehmen. Einem vorher an Land gesetzten Kommandounternehmen gelang es mit einem alten Schoner nach Sumatra zu fliehen.
Aus der Distanz betrachtet besteht dieses Atoll aus wunderschönen, romantischen Palmeninseln, die sich sehr gut in jedem Reiseprospekt machen würden, aber wenn man weiß, was dort alles seit der Entdeckung durch den weißen Mann geschehen ist, muss man doch eher an Joseph Conrad denken, etwa an "Almayers Wahn" oder "Lord Jim".

 
Das Atoll

 

Eine der vielen kleinen Inseln des Atolls

Am 24. September 1967, einem Sonntag, passierten wir dieses Atoll nahebei, es war gutes Wetter und die Welt sah sehr, sehr friedlich aus und ich träumte von einem Leben auf so einer kleinen Insel, natürlich nicht allein, träumen ist erlaubt.

Nun aber "Rakatoa" , wie schon gesagt, nur ein Fliegenschiss auf der Seekarte, aber ein Fliegenschiss, der im wahrsten Sinne des Wortes die Welt bewegt hat. Als ich den Namen das erste mal las, fiel mir weiter nichts auf und ich dachte nur "noch eine der vielen 100 kleinen Inseln oder Korallenriffe, die die Navigation gefährlicher aber auch interessanter machen". Erst das Vulkanzeichen neben dem Namen machte mich stutzig. Also, erst ein mal die Karte mit dem größten Maßstab heraussuchen, hier löste sich der Fliegenschiss in 4 kleine Inseln auf, wovon die größte "Rakata" und die kleinste " Anak Krakatau" genannt wurde. Um die ganze Gruppe war ein Kreis gezogen mit der Beschriftung: "Krakatoa circa 1883". Jetzt endlich fiel der Groschen. Es handelte sich bei der Inselgruppe zweifellos um die Reste des Vulkans "Krakatau" (malayisch "Rakata" oder "Rakatoa") der im August 1883 mit ungeheurer Gewalt explodiert war und eine bis dahin unerhörte Katastrophe ausgelöst hatte.

   
 

Übersichtskarte der Sundastraße mit dem Krakatau wie er sich heute präsentiert

 

Schon im Mai desselben Jahres war der erste Ausbruch erfolgt und das deutsche Schiff "Elisabeth" berichtete, dass noch in 150 Seemeilen Entfernung der Staub innerhalb von 12 Stunden 1 Fuß hoch an Deck lag.
Viel schlimmer aber am 26. und 27. August. Kommodore Lindemann vom holländischen Dampfer "Gouverneur-Generaal Loudon" berichtet: "Es begann am 26. nachmittags mit dumpfem Rollen, wie wenn schwerkalibrige Schiffsgeschütze übten nur mit einem unerhört schnellen Salventakt, dunkle Staubwolken verhängen den Himmel pechschwarz, ununterbrochen Blitze wie "weiße Riesenschlangen auf tintigem Grund", das Atmen fällt schwerer, ein Geruch nach Asche und Schwefel kommt auf. Die Kompassnadel tanzt, Elmsfeuer überall am Schiff, der Lärm und Donner überschreitet bald jedes Maß. Dann fallen heiße Bimssteinbrocken aus der Luft, bis zu Kürbisgröße, und verursachen überall kleine Feuer an Deck und an den hölzernen Aufbauten und in der Takelage. Die malayische Besatzung löscht in panischer Angst wo sie kann, mancher wird auch von den heißen Brocken getroffen. Dann beginnt es zu regnen, eine Melange aus Wasser und Asche, Schlamm also, ½ Zoll pro Minute, d. h. 2 ½ Fuß pro Stunde an Deck. Die Besatzung schaufelt um ihr Leben." Der Kommodore konnte sein Schiff noch in der Lampong Bucht am südöstlichen Ende Sumatras, etwa 35 Seemeilen vom explodierenden Vulkanungeheuer entfernt, vor Anker legen, aber was half es viel, die größte Gefahr kam von oben und dagegen gab es keinen Schutz.
Gegen Morgen wurde es etwas ruhiger, der Asche- und Steinregen ließ ein wenig nach und auch der infernalische Lärm ebbte etwas ab.

Dann, um 0530 Uhr ein Donner von bisher unvernommener Lautstärke und 1 Stunde danach noch einmal. Um 1000 Uhr aber ist es als ob die Erde selbst auseinanderrisse. Die Schallwelle reiste um den Erdball. Noch in 4500 km Entfernung, auf der Insel Rodriguez im Indischen Ozean war der Schall zu hören. Ein Tsunami von bis zu 45 m Höhe raste durch die Sundastraße und forderte etwa 37.000 Menschenleben. Nicht viel gegenüber den 230.000 Opfern des Tsunamis von 2004 wird manch einer sagen. Aber er bedenke doch die viel dünnere Besiedlung der Gegend zu damaliger Zeit und der Massentourismus war ja auch noch nicht erfunden.

Noch monatelang waren auf der ganzen Welt absonderliche Farbphänomene in der Atmosphäre zu beobachten, besonders bei Sonnenauf- und Untergängen. Verursacht wurden diese von dem feinsten Vulkanstaub der in den höheren Schichten rund um den Erdball verteilt wurde. Diese spektakulären farbigen Erscheinungen schlugen sich sogar auf expressionistischen Gemälden aus jener Zeit nieder, zum Beispiel in "Der Schrei" von Edvard Munch.

Der Schrei (E. Munch) Sonnenuntergang in der Themsemündung (W. Ashcroft)

Am 26. September 1967 am Nachmittag auf meiner Wache (also ziemlich genau 84 Jahre nach der bis dahin größten aller bekannten Katastrophen) passierten wir die Reste des einstmals großen Krakatau. Es war alles ruhig, nur der Anak Krakatau (das Kind des Krakatau) schmauchte leise vor sich hin als wenn nie etwas gewesen wäre, ein unschuldiges Kind eben. Aber Kinder werden erwachsen und verlieren ihre Unschuld.

   
  Anak Krakatau  

Etwa 2 Stunden später erreichten wir die engste Stelle der Passage und fuhren ein in die Javasee, dabei hielten wir uns dicht unter der Küste von Java, da hier die wenigsten Riffe in der Karte verzeichnet waren. Es war schön einmal wieder viel festes Land zu sehen, üppig grün und kaum besiedelt. Es stimmte mich fröhlich, dass das Auge ab und an wieder einen festen Punkt hatte auf dem es einige Zeit verweilen konnte anstatt dauernd auf der Kimm auf und ab zu laufen. Große Schiffe bekamen wir keine in Sicht, dafür aber zunehmend eigentümlich getakelte Segelschiffe mit einem sehr lang herausragenden Bugspriet, das Ganze erinnerte ein wenig an unsere Schoner. Pinisi hießen diese Fahrzeuge und waren charakteristisch für die Indonesischen Gewässer.

Das Tagebuch sagt: "26.9.67 nachmittags 5 Uhr, Windstille, passieren ganz nahebei eine Pinisi, Segel an den 2 Masten schlapp, an Deck 5 Männer, 1 Frau und 2 kleine Kinder, alle winkten fröhlich und riefen Grüße. Die Frau war ausnehmend hübsch, unsere Männer gerieten ganz aus dem Häuschen und riefen, pfiffen und johlten. Die Frau lachte laut, ich konnte es hören. Eine freundliche Begegnung." Auch die ersten Dschunken kamen in Sicht, diese archaisch anmutenden Gefährte, die ich eigentlich erst in den chinesischen Gewässern erwartet hätte. Aber sie trieben sich auch hier schon herum. Eine große, dreimastige ist mir noch gut in Erinnerung, lief sie mir doch in der Abenddämmerung, als ich den 1. Steuermann zum Essen abgelöst hatte, fast vor den Steven; es ging aber mal wieder gut.

Indonesische Pinisi Dschunke

Wir befanden uns jetzt in den Kalmen oder auch Mallungen, einen Gebiet um den Äquator wo es meist windstill(calm) ist oder nur schwache, umlaufende Winde gehen. Die Temperaturen sind hoch, die Luftfeuchtigkeit auch und es gibt häufig heftige Regenschauer. Der Regen ist ein Segen, wäscht er doch die dicke Salzkruste, die sich während des langen Seetörns gebildet hat, von oben bis unten vom Schiff und kühlt die Decks. Ist der Regen vorbei, dann schmeckt die Luft wie Champagner, war es vorher dunstig dann ist die Luft jetzt klar wie zu Hause nach einem Gewitter. Seit wir nun in der Java See zwischen den Inseln umherkutschieren und es immer etwas zu sehen gibt; sei es nun das schöne grüne Land, seien es die Korallenriffe und kleinen Palmeninseln, hat sich die teils doch schon recht mürrische Stimmung der Männer an Bord sehr gehoben, es geht fröhlicher zu.
Shanghai war auch nicht mehr weit, in etwa 9 Tagen schon würden wir in den Machtbereich des "Großen Steuermanns" Mao Tse Tung einlaufen. Man durfte darauf gespannt sein.  

Bis zum nächsten Mal.
Der Mao Tai kann ja schon mal kalt gestellt werden.

 

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Eine Reise nach China - Shanghai 1967 (Ankunft)

Am 6. Oktober 1967 vormittags um 0942 Uhr wurde "Ende der Seereise" angeordnet und um 1030 Uhr rauschte der Steuerbordanker in der Mündung des Jangtse-Kiang zu Wasser, "Ende der Reise". Nach 53 Tagen auf See waren wir angekommen auf der Reede von Shanghai. Ungewohnte Ruhe herrschte, als die Hauptmaschine nach dem letzten Rückwärtsmanöver still stand, sich der Propeller nicht mehr drehte und nur noch ein Hilfsdiesel für die Stromversorgung an Bord vor sich hin tuckerte. Herrlich!

Morgens, nach Sonnenaufgang, ein Schock.- Da wir uns in den nationalen Gewässern der Volksrepublik China befanden, mussten aus Gründen der Höflichkeit und nach internationalem Brauch die üblichen Flaggen gesetzt werden als da waren: Auf der Back am Flaggenstock die Gösch (Flagge des Heimathafens Hamburg) am Fockmast an der Steuerbord Signalrah die Flagge des Gastlandes (Volksrepublik China), am Flaggenknopf des Großmastes die Reedereiflagge und an der Gaffel des Großmastes die Nationalflagge des Heimatlandes. Hinzu kamen noch die erforderlichen Signalflaggen wie zum Beispiel das Unterscheidungssignal, die Lotsenflagge, die Quarantäneflagge etc., die entweder im Fockmast an der Backbord Rah oder am Signalmast auf dem Peildeck gehisst wurden. So wollten es die Regeln. Die Behörden vieler Länder, allen voran die von jungen und besonders nationalstolzen Ländern, achteten auf genaue Einhaltung dieser Regeln; Verstöße konnten sehr teuer werden.

Der Wachmatrose bekam die Flaggen aufgetucht vom 1. Steuermann in die Hand gedrückt und die Order, sie nach obigen Regeln zu heißen. Das geschah und bald flatterten die bunten Tücher lustig in der Brise. Man war zufrieden und ließ sie flattern, bis der Alte auf die Brücke kam. Der schnappte sich das Glas, ließ sein Adlerauge über die Kimm gleiten, blieb steuerbord voraus hängen, hob den Blick ein wenig, nahm die Gastlandflagge ins Visier--- und tat das, was er am besten konnte, er erhob seine Stimme und brüllte. "Chief Mate!!" und nochmals "Chief Mate!!!" "Jo Kaptein, wat givt dat?" so der dithmarsische Bauernsohn. "Was, mein lieber Herr Petersen, was weht denn da vorne für ein seltsames buntes Tuch? Wo haben Sie das denn gefunden mein lieber Herr Petersen?" säuselte der Oberstkommandierende. "Das ist die Flagge der Republik China, so steht es jedenfalls auf dem Liek" antwortete der Erste verblüfft. "Und, lieber Herr Petersen, wissen Sie denn wo wir uns jetzt befinden, zu welchem Land diese Gewässer hier gehören?" säuselte der Alte weiter. "Na, in China doch, dies alles hier gehört zu China, Herr Kapitän." "Ja" brüllte der Alte, "zu China gehört es, zur Volksrepublik China nämlich und diese Volksrepublik China befindet sich seit vielen Jahren im Kriegszustand mit der Republik China, die umgangssprachlich auch Formosa genannt wird. Lassen Sie sofort den Lappen da runterholen und die richtige Flagge setzen bevor das irgendein kleiner Chinese sieht und die Behörden auf uns hetzt, Sie wollen wohl gerne, dass Sie und ich und wer weiß sonst noch, in Shanghai von den Rotgardisten durch die Straßen getrieben werden, mit dem spitzen Schandhut auf dem Kopf und einem Plakat vor dem Bauch, das uns als Volksfeinde kenntlich macht und uns der Gnade des Pöbels anheimgibt. Das ist das übliche Verfahren hier in Zeiten der "Großen proletarischen Kulturrevolution", die Mao persönlich angezettelt hat und auch anführt. Beispiele dafür, was mit russischen und auch skandinavischen Kollegen von uns angestellt worden ist, gibt es zu Hauf, davon müssten sogar Sie schon gehört haben. Also, schnell runter mit dem Tuch da vorne und die richtige Flagge vorgeheißt." Das allerdings war nun einfacher gesagt als getan; es war schlicht und ergreifend keine Flagge der Volksrepublik an Bord. In Rotterdam war mit der Ausrüstung für die Reise nur die Flagge von Formosa geliefert worden. Wat nu?

 

 
Republik China (Formosa) heute Taiwan

 

Volksrepublik China (Rotchina)

Sieht man die beiden Flaggen nebeneinander, fällt die Lösung des Problems gleich ins Auge.

Beide Flaggen haben die Grundfarbe rot, nur das Emblem ist ein anderes. Also das Emblem aus der Formosaflagge ausschneiden, das rotchninesische Emblem auf ein Stück rotes Flaggentuch malen und  dort einsetzen. Wir entschieden uns dafür, das Emblem zu überkleben und die Kanten zusätzlich zu vernähen; den Nähkünsten der Matrosen allein, bei dem feinen Flaggentuch, mochte der Chief Mate nicht trauen. Ja , wäre Segeltuch zu vernähen gewesen, dann wäre es wohl angegangen. Also rasch ans Werk und binnen einer Stunde hatten wir die richtige Flagge gesetzt. Mao konnte auf unseren revolutionären Eifer stolz sein. Sicherheitshalber bestellte der Alte aber doch noch eine Originalflagge bei der Agentur, per Telegramm; die kam dann auch bei der Einklarierung mit an Bord.

Der Schuldige an dem ganzen Theater war schnell gefunden, das war natürlich der 2. Steuermann, ich also. Ich hatte in Rotterdam auf den Bestellzettel für Flaggen unter anderem geschrieben:
1 Stück Nationalflagge China

So konnte sich der Schiffsausrüster aussuchen welches China gemeint war. Die Chance war fifty/fifty.

Jetzt also lagen wir vor Anker und warteten auf die Einklarierung und hofften, dass unser Agent die Berge von Post mitbrachte, die unsere Lieben uns doch sicher geschickt hatten. Der Ausguck meldete die Ankunft eines großen Motorbootes, die Gangway wurde weggefiert und ein Haufen grau und blau gekleideter Leute klomm an Bord; 2 mit Gewehren bewaffnete Soldaten waren auch dabei. Einer davon blieb an der Gangway stehen, der andere ging mit dem Rest der Leute nach oben in den Salon. Order wurde ausgegeben, dass alle Mann sich im Salon einzufinden hätten.

Zuerst die genaue und sorgfältige Gesichtskontrolle; an unseren Geschlechtsteilen waren die Chinesen im Gegensatz zu den Amerikanern (siehe "Heizer") nicht interessiert. Wurden Foto im Seefahrtbuch und Gesicht als übereinstimmend befunden, bekam jeder Mann wie bei einer Ordensverleihung ein Abzeichen mit dem heldenhaften Profil Maos an die Brust geheftet und die "Worte des Vorsitzenden Mao Tse-Tung", die rote Maobibel also, ausgehändigt, wahlweise in deutscher oder englischer Sprache; man entschuldigte sich wort- und gestenreich dafür, dass eine spanische Ausgabe nicht zur  Hand war, versprach aber, diese im Hafen nachzuliefern, worauf einer unserer spanischen Seeleute bemerkte, das wäre egal, er würde dieses Zeugs sowieso nicht lesen. Gott sei Dank machte er diese Bemerkung auf spanisch, und noch viel mehr Gott sei Dank verstand keiner dieser grauslichen Weltrevolutionäre die spanische Sprache, so dass die Angelegenheit durch eine angemessen falsche Übersetzung ins Pidgin-Englisch vom Funker, bereinigt werden konnte. Welch eine menschenfreundliche Geistesgegenwart von (nicht umsonst so genannten) "Schweinchen Schlau".

 

Mao-Button

  Mao-Bibel

Mao-Bibel Widmung von Lin Biao

Die übersetzung der Widmung ganz rechts: "Studiert die Werke des Vorsitzenden Mao Tse-Tung, hört auf seine Worte und handelt nach seinen Weisungen."
Lin Biao  

Als wir nun solchermaßen mit den äußerlichen Attributen  wie Mao Abzeichen (Kreuz) und Mao-Bibel (Neues Testament) der alleinseligmachenden Ideologie ausgerüstet waren, begann etwas, das mich in der Form sehr stark an den Konfirmandenunterricht bei unserem Pastor Petersen an der Sandesnebener Kirche erinnerte, oder auch an eine fromme Bibelstunde, wie sie in den ersten Nachkriegsjahren auch in Klinkrade regelmäßig abgehalten wurde. Eine kleine Chinesin, in Maograu gekleidet und mit modischer Ballonmütze behütet, las mit durchdringender, scheppernder Stimme einen Absatz aus der Mao-Bibel im Original, also auf chinesisch, vor. Ein kleiner Chinese, ebenfalls grau in grau, der fest davon überzeugt war,dass er die englische Sprache beherrschte, las den Vers dann aus der englischen Ausgabe vor und unser Chiefmate wurde auserkoren dasselbe noch einmal auf Deutsch zum Besten zu geben. Alsdann erfolgte durch den kleinen Chinesen, der davon überzeugt war, dass er die englische Sprache beherrschte, die Erklärung und Auslegung des vorgetragenen Spruches, in etwa zu vergleichen mit dem "Was ist das?" zu den 10 Geboten im Katechismus des Dr. Martin Luther. Jeder Spruch wurde eingeleitet mit "As Chairman Mao says:"  (Wie Vorsitzender Mao sagt), was sich bei dem Chinesen, der davon überzeugt war, die englische Sprache zu beherrschen, anhörte wie: "aschummymaosai"!! Der arme dolmetschende Chiefmate, er wand sich erkennbar, wurde mit der Zeit aber ruhiger und erzählte irgendwelchen Unsinn. Wie er uns später gestand war er sich sicher, dass keiner der Chinesen Deutsch verstand und es deshalb ziemlich egal war, was er erzählte. Vielleicht ein wenig leichtsinnig von ihm, aber es lief alles mal wieder klar. Die ganze Situation war zum Schreien komisch und konnte gut als Politsatire bei den "Stachelschweinen" durchgehen. Nur leider, lachen war verboten! bei Strafe der Brandmarkung als Volksfeind. Nur in den hinteren Reihen gab es einiges Getuschel das aber mit streng blitzendem Blick aus den blauen Augen unseres Alten unter Kontrolle gehalten wurde. Die Chinesen nahmen alles sehr ernst und waren auch sonst völlig humorlos; nun, es war ihr Land, sie hatten das Sagen und wir hatten zu parieren. Auch bei dieser Amtshandlung durch die chinesischen Berufsrevolutionäre hatten wir wieder Glück, wir alle galten nun als Freunde des chinesischen Volkes. Zum Abschied ermahnte man uns, beim Landgang ja das Mao-Abzeichen anzustecken und die kleine Bibel auf jeden Fall mitzunehmen, sie sollte möglichst gut sichtbar aus der Jackentasche lugen.

Als alles vorbei war, wollte der Kapitän noch wissen, wie lange wir wohl vor Anker liegen bleiben müssten (Antwort: wissen wir nicht) und ob keine Post für das Schiff angekommen sei (Antwort: Post gibt es erst wenn das Schiff längsseite gegangen ist). Als wir das hörten, waren wir erst richtig sauer auf Mao und seine Baggage, die uns unsere Post vorenthielt, aus welchen Gründen auch immer.
5 Tage blieben wir auf Reede liegen und warteten auf einen Liegeplatz, die ganze Zeit ließ sich kein Chinese sehen; nur die beiden bewaffneten Soldaten blieben an Bord und passten auf, dass wir keine Konterrevolution anzettelten.

Am 10.Oktober gegen Mittag hielt ein Boot mit gesetzter Lotsenflagge auf uns zu. Es ging längsseite und gleich 2 Lotsen kletterten an Bord. "Maschine klar machen", kam bald danach die Order vom Alten an den wachhabenden Ingenieur und "Zimmermann auf die Back, Anker klar machen zum hieven" an den 3. Steuermann, der ja die Brückenwache hatte. Na, endlich ging es weiter.

Shanghai liegt am Huang Po, einen kleinen Nebenfluss des Jangtse-Kiang und wird von vielen Kanälen und kleinen Flüssen durchzogen. Unser Liegeplatz war auf der rechten Seite des Huang Po im Stadtteil Pudong. Das damalige Zentrum der Stadt lag, wie auch die berühmte Uferstraße "The Bund", auf der gegenüberliegenden Seite und war nur mit der Fähre zu erreichen.(Das moderne Zentrum mit den spektakulären Bauwerken liegt heute in Pudong).

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Fischer auf dem Jangtse-Kiang Typische Schleppkonvoys(Kanal)    "The Bund" von Pudong aus gesehen

Endlich kam unsere Post an Bord; die Einklarierung war schon auf dem Ankerplatz erledigt worden und so konnte der Funker die Briefe gleich verteilen und nun erfolgte von der Besatzung für eine Stunde erst einmal keine Dienstleistung an niemanden mehr; die übrige Welt musste warten, bis die Nachrichten aus der Heimat die erste Lesung hinter sich hatten. Die Löscharbeiten begannen dann sofort mit 4 Gangs, 10 Tage waren geplant bei drei Schichten pro Tag, also rund um die Uhr. Die ganze Ladung sollte in Shanghai gelöscht werden, der zweite Löschhafen in China, Hsingkang, war gestrichen worden. Die geplante Anschlussreise nach Australien war auch gecancelled worden, es war noch keine neue Reise geschlossen worden. Schade, Australien hätte ich wohl gerne noch mitgenommen.

Landgang war erlaubt im Stadtgebiet von Shanghai; allerdings nur bis Mitternacht, wer zu spät kam, den bestrafte auch damals schon das Leben; sein Landgangspass wurde eingezogen, er musste für die restliche Zeit an Bord bleiben. Allzu schlimm war das aber nicht, denn die einzige Kneipe, die man aufsuchen durfte war das Seemannsheim, Kontakt mit der weiblichen Bevölkerung war streng verboten so dass die nach der langen Reise sexuell ausgehungerten Seeleute sich weiterhin mit sich selbst beschäftigen mussten. Tagsüber allein, ohne einheimische Begleitung, durch die Stadt zu streifen wurde nicht empfohlen, da man nicht sicher war, wie die ziemlich außer Kontrolle geratenen Revolutionsgardisten sich Ausländern gegen über verhalten würden. Diese jungen Menschen waren derart aufgeputscht und fanatisiert, dass man mit allem rechnen musste, nur nicht mit etwas Gutem. Ja, das waren echt harte Zeiten damals.

Am zweiten Abend wollten der Funker und ich an Land gehen, erst in den "Friendship Store", wo es wunderschöne Mitbringsel zu billigen Preisen zu kaufen geben sollte und anschließend ins Seemannsheim um dort einmal anständig chinesisch zu speisen und am längsten Tresen der Welt (34 m) das berühmte Tsingtao Bier zu trinken und vielleicht auch den einen oder anderen Mao-Tai, den nicht weniger berühmten, hochprozentigen Reisschnaps.

über diesen Landgang und noch einige andere Erlebnisse in Shanghai werde ich dann aber nächstes Mal berichten.

Bis zum hoffentlich etwas frühlingshafteren März dann. Tschüss.

 

 

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Eine Reise nach China - Shanghai 1967 (Landgang)

Der Funker ließ mich im Stich, er wollte dann doch lieber nicht an Land gehen am zweiten Abend in Shanghai, schützte Unwohlsein vor, hatte sich in Wirklichkeit aber wohl von den Berichten über schlecht behandelte Ausländer beeindrucken lassen und wollte kein Risiko eingehen. Ich aber blieb bei meinem Entschluss, machte mich landfein, Maoabzeichen ans Revers, Maobibel in die Jackentasche so dass sie noch ein Stückchen herauslugte, Seefahrtbuch und Shorepass eingesteckt, Geld nicht vergessen, 100 Renminbi Yuan (etwa 92,- DM) hatte ich als Vorschuss aufgenommen.

Erste Kontrolle durch den Wachposten an der Gangway, zweite Kontrolle am scharf bewachten Hafentor, dort musste auch das Seefahrtbuch abgegeben werden, dafür bekam ich einen Stempel in den Shorepass. Der Posten zeigte mir den Weg zur Fähre und fragte, ob ich auf der anderen Seite mit einem Taxi oder mit einer Rikscha weiterfahren wollte. Rikscha natürlich. Dass es noch Rikschas gab in der Volksrepublik, hatte ich nun nicht gerade erwartet. Da ich mich mit Maoabzeichen und Bibel als Freund des chinesischen Volkes ausgewiesen hatte, gab der Posten mir ein Hin- und Rückfahrticket für die Fähre (geschenkt), er ermahnte mich auch noch, ja um Mitternacht wieder zurück zu sein.

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Rikschas

 

Wandzeitungen werden angebracht

Auf der anderen Seite wartete schon das Gefährt, eine Fahrrad-Rikscha, die von einem ausgemergelten älteren Mann betrieben wurde. Er wusste schon wo es hingehen sollte und legte sich in die Pedale. Der Fähranleger lag direkt am "Bund", der großen Uferstraße, die noch aus britischer Zeit stammte. Die Straße war stark bevölkert von Fußgängern, Radfahrern und Rikschas; keine PKW's und nur vereinzelt Lastwagen. Diese waren mit irgendwelchen Parolen bemalt, viele auch mit großen Maoporträts verziert und fast alle beförderten jugendliche Rotgardisten die rote Fahnen schwenkten und Lärm machten indem sie sangen oder auch nur Parolen brüllten. Die Häuserwände waren über und über mit Plakaten, Maobildern und Wandzeitungen bedeckt. Das Ganze wurde unablässig über die unvermeidlichen Lautsprecher, die in regelmäßigen Abständen an Strom- oder Telegrafenmasten angebracht waren, mit scheppernder Revolutionsmusik und mit, von kreischenden Frauenstimmen  vorgetragenen, Hass- oder vielleicht auch Lobgesängen, beschallt. Für europäische Ohren ein grässliches Geräuschpandemonium, aber wohl nicht unähnlich dem völkischen Lärm, der in Deutschlands dunkelster Zeit aus den Lautsprechern der SA drang, wenn diese auf ihren Lastwagen grölend unterwegs war zu den diversen Saal- und Straßenschlachten, im Namen des Führers.

Mein Rikschafahrer schlängelte sich also ungerührt durch die aufgeregten Menschen. Einmal mussten wir einen Kanal auf einer dieser hochbogigen alten Brücken überqueren, da scheuchte mich der Fahrer dann aus meinem Sitz und forderte mich unmissverständlich auf, schieben zu helfen um den steilen Bogen zu überwinden.

Der "Friendship Store" lag an einer Seitenstraße des "Bund". Vor der großen Eingangstür gab es einen kleinen freien Platz, den eng gedrängt Menschen bevölkerten , einige hundert waren es gewiss. Die Menge wogte wie eine etwas unruhige, kabbelige See. Ein auf und abschwellendes Gemurmel erfüllte die Luft, gar nicht so laut. Die Leute machten keinen Platz für uns, so dass die Rikscha nicht direkt bis vor den Eingang fahren konnte. Der Fahrer hielt also vor der Menge an und forderte seinen Lohn, 1 Yuan (92 Pfennige). Ich gab ihm 2 Yuan (mein kleinster Schein), er konnte nicht wechseln, ich sagte ihm er solle den Rest als Trinkgeld behalten. Mit dem Angebot hatte ich ihn nun aber erheblich beleidigt; ein revolutionärer Chinese durfte auf keinen Fall ein Trinkgeld annehmen, schon gar nicht, wenn andere Chinesen dabei zusahen. Er schnappte sich den Schein und machte sich auf den Weg durch die Menge, offensichtlich um den Schein im Laden zu wechseln; ich blieb allein in dem Gefährt sitzen. Allein unter vielen, vielen Chinesen. Deren Neugier war geweckt, sie kamen näher, drängten sich nah an die Rikscha, begafften mich, streckten auch wohl mal die Hand aus und befühlten meine Kleidung. Landfein wie ich war mit Jackett, Schlips und Kragen wie sich das damals noch gehörte, muss ich ein wahrer Exot für die einheitlich in Proletarierblau gekleideten, mit ebenso blauen Stoffschuhen angetanen revolutionären Massen gewesen sein. Und ununterbrochen dieses Gemurmel von dem ich nicht sagen konnte ob es freundlicher, neutraler oder gar feindlicher Gesinnung entsprang. Unheimlich das Ganze in der spärlichen Straßenbeleuchtung. Wo dieser verdammte Fahrer bloß blieb? Hatte dieser Kerl sich einfach aus dem Staub gemacht, wohl ahnend, dass sich bei seinen Landsleuten nichts Gutes zusammenbraute? Was tun? Raus aus der Rikscha und versuchen, die Eingangstür zu gewinnen und in die Sicherheit des "Friendship? Stores" zu gelangen? Lieber nicht!

Tumult an der Eingangstür! Geschrei übertönte das Gemurmel der Menge. Bewegung breitete sich aus, dermaßen, dass ausgehend von der Tür, die Menge sich teilte wie das Rote Meer vor dem Patriarchen Moses. Die Ursache war bald zu erkennen! Diesesmal war es ein großer Chinese in grauer Funktionärskleidung und mit Lederschuhen (!) an den Füßen. Mit der Linken hielt er meinen

Rikschadriver am Schlafittchen, mit der Rechten teilte er freizügig Schläge und Püffe an die widerspenstigen Menschen aus, die ihm nicht schnell genug aus dem Weg gingen und mit dem Maul

schrie er die Leute zusammen, dass das Gesumse und Gemurmel keine Chance hatte. Er kam an die Rikscha, verbeugte sich knapp vor mir, murmelte wohl so etwas wie eine Entschuldigung, händigte mir mein Wechselgeld aus, stauchte noch einmal den Fahrer zusammen, hängte sich bei mir ein und geleitete mich sicher zur Eingangspforte des Paradieses. Tür zu! Himmlische Ruhe!!

Ich war selten einem Menschen so dankbar für beherztes Eingreifen  wie diesem chinesischen, ja, Mitmenschen eben.

Drinnen etliche Kunden, nur Europäer, wahrscheinlich fast alles Seeleute da andere Ausländer zu der Zeit kaum nach China kamen und Chinesen in den Freundschaftsläden nicht einkaufen durften. Mehr Bedienungspersonal als Kunden hielten sich im Laden auf. Natürlich an den Wänden die unvermeidlichen Parolen und Maobilder aber Gott sei Dank keine Belästigung durch Lautsprecher, die vielleicht doch nur eine Übererfüllung des Solls an Zerstörung von alten Kulturgütern verkündet hätten. Im Jahr zuvor hatten sich die Roten Garden sogar an der Großen Mauer vergriffen und Teile davon abgerissen, Tempel zerstört und Bücher verbrannt (letzteres ist uns in Deutschland ja nicht ganz unbekannt). Nur dem beherzten Eingreifen von Tschou En Lai, dem damaligen Außenminister, ist es zu verdanken, dass die "Verbotene Stadt" mit den kaiserlichen Palästen nicht abgefackelt wurde von den Rasenden. Er ließ die Armee zum Schutz der unersetzlichen Bauten aufmarschieren.

Im Laden gab es eine Abteilung, die nur dem Devotionalienhandel vorbehalten war; hier gab es Mao in jeder nur vorstellbaren Form, als Bild, Büste, Statue, Anstecker, Aschenbecher und was weiß ich noch alles. Es gab Gedichte, Kalligrafien, Zeichnungen von ihm und natürlich seine Gesammelten Werke in allen möglichen Sprachen, die Chinesischen Ausgaben von Marx, Engels und Lenin fristeten ein Kümmerdasein daneben. Dann aber gab es auch einige Abteilungen in denen man richtige Kostbarkeiten entdecken konnte wie Schnitzereien aus Jade und Holz, Rollbilder auf Seide oder Bambus, herrliche Kalligrafien und farbige Holzschnitte, Porzellan und Emailarbeiten und natürlich die als Mitbringsel so sehr geschätzten Truhen aus Kampferholz, überreich mit Schnitzereien nach alten Motiven versehen; hier musste man allerdings schon genau hinschauen, dass man keine mit revolutionsverherrlichenden Motiven erwischte, denn auch die wurden reichlich angeboten.

Gute Sachen hatten aber auch hier ihren Preis und so war ich bei meinen begrenzten Mitteln zur Zurückhaltung gezwungen. Ich erwarb also nur ein kleines Schnitzwerk mit einem uralten Motiv: "Rose, Spinne und Wachtel" Auf dem Segment eines Bambusstammes von etwa 35 cm Länge und 12 cm Breite ist folgende Szene im Relief dargestellt:

Ein Rosenzweig hängt vom oberen Rand in das Bild, auf diesem Zweig sitzt eine Spinne. Darunter im Gras steht ein kleines Wachtelküken und schielt verlangend nach oben auf die Spinne, wohl denkend: "Ob diese Spinne wohl ein Leckerbissen ist und wenn ja, ob ich sie wohl mit einem beherzten Sprung erreiche, sie fangen und mir dann zu Gemüte führen kann?"

Noch heute muss ich beim Betrachten dieser feinen und humorvollen Darstellung schmunzeln.

Ja, und noch eine Kleinigkeit erhandelte ich dort, eine Postkartensammlung, so eine faltbare Angelegenheit wie sie vielerorts für Touristen vorgehalten wird. Es waren 10 Motive, meistens alte Tempel, die Mauer natürlich und auch 1 Menschenbild war darunter, eine Mutter mit ihren 2 kleinen Söhnen. Die Fotografie beeindruckt mich immer noch sehr; welch eine selbstsichere Ruhe strahlt diese Frau in ihrer Armut aus, Stolz auf ihre beiden Kinder, auch wenn diese in vielfach geflickten Kleidern stecken und nur noch Rudimente von Stoffschuhen an den kleinen Füßen haben. Diese Frau wirkt unverwüstlich in ihrem Optimismus.

 

     
Der Friendship Store heute

  Rose, Spinne, Wachtel

Die stolze Mutter

Es war schwer, sich von den vielen schönen Dingen zu trennen, aber mein Geldbeutel fühlte sich schon so dünn an, dass ich befürchten musste, das verbliebene Geld würde nicht mehr zu einem angemessenen chinesischen Dinner im Seemannsklub reichen und ich müsste mich womöglich mit weniger zufriedengeben als ich mir vorgestellt hatte. Also los. Der Türsteher begleitete mich wieder durch die Menschenmenge zu einer Rikscha und ab ging es zum "Bund", wo der Seemannsklub im protzigen Gebäude des ehemals feudalen britischen "Shanghai Club"untergebracht war. Vor der Tür wieder eine Menschenmenge, aber diesmal gelang es dem Fahrer genau bis vor den Eingang zu fahren und ich hatte für passendes Fahrgeld gesorgt, so dass ich direkt aus der Rikscha in dem pompösen Portal verschwinden konnte. Der Club war gut besucht von Seeleuten, hauptsächlich Skandinavier und Engländer feierten dort auf "Deuwel komm raus", gewaltige Mengen von Essen, Tsingtao Bier, Reiswein und Mao Tai wurden aufgefahren und geräuschvoll vertilgt. Es herrschte überhaupt kein Mangel an gar nichts, das Ganze erinnerte fast an ein mittelalterliches Gelage. Ich suchte mir einen Platz an einem großen runden Tisch, wurde freundlich begrüßt und willkommen geheißen, bestellte mir 3 Gänge Irgendwas und Bier dazu. Alles schmeckte vorzüglich und ich hatte einen sehr vergnügten Abend in angenehmer Gesellschaft, ein gutes Garn wurde gesponnen, Schauergeschichten machten die Runde, herzlich gelacht wurde über meine Flaggengeschichte. Ansonsten blieben Mao und die Politik außen vor, weil zu gefährlich. Der längste Tresen  der Welt war aber gar nicht mehr so lang, ganze 10 m hatten die neuen Herren abgeschnitten, einfach eine Mauer eingezogen um einen zusätzlichen Raum zu gewinnen, na, für was wohl? Ja, natürlich einen Raum für den Handel mit Mao Devotionalien. Es blieb trotz allem Platz genug um ordentlich einen hinter die Binde zu gießen. Die Rückfahrt an Bord verlief glaube ich ereignislos, aber so ganz genau weiß ich das nicht mehr. Am nächsten Morgen erwachte ich aber ordnungsgemäß in meiner eigenen Koje.

     
Der Seemannsclub (ehemals Shanghai Club)   ...mit dem längsten Tresen der Welt

Der Löschbetrieb an Bord lief eigentlich ganz flott, der Mangel an Technik wurde durch den Einsatz von vielen, vielen Arbeitern ausgeglichen und so hofften wir, schon in einer Woche das Schiff leer zu haben. Unsere Seeleute wurden mürrisch und reizbar, sie brauchten engeren Kontakt zu ihren Mitmenschen, das meint: endlich mal wieder Körperkontakt mit dem weiblichen Teil der Menschheit. Dieser dringende Wunsch konnte hier im sexfeindlichen kommunistischen Reich der Mitte nicht erfüllt werden.

Die Tag und Nacht plärrenden Lautsprecher an der Pier machten das Leben auch nicht angenehmer. Abwechslung brachte es, wenn mal wieder ein Demonstrationszug durch den Hafen zog, oder die roten Garden ihre neue Kultur mit einem Straßentheater unter das Volk bringen wollten und an der Pier irgendein Heldenstück aufführten wie z. B. "Der Tigerberg durch Klugheit erobert" oder "Die Geschichte einer roten Signallaterne" oder "Die rote Frauenkompanie". Dann wurde von allen Arbeitern Pause gemacht und kräftig Beifall geklatscht; wir sahen uns das Theater von der Reling aus an.

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Demonstration   Straßentheater im Hafen

Von der Reederei in Hamburg kam über die Agentur ein Telex, darin wurde dem Kapitän mitgeteilt, dass eine Anschlussreise zwar noch nicht fest geschlossen war, aber gute Aussicht bestünde für einen Trip von Nagasaki und anderen japanischen Häfen nach der Westküste USA und Mittelamerika mit einer vollen Ladung Stückgut; die Verhandlungen stünden kurz vor dem Abschluss. Die Order lautete: "Nach Fertigstellung mit langsamer Fahrt Kurs auf Nagasaki nehmen bis neue Order kommt. Laderäume müssen gewaschen, tip top gereinigt und geruchsfrei sein damit das Schiff den "On Hire Survey" ohne Beanstandungen passiert."

Schon am 16. Oktober war die gesamte Ladung gelöscht. Die Laderäume wurden zusammen mit einem Vertreter der Stauerei und der Agentur auf Schäden kontrolliert und ein Abschlussprotokoll unterzeichnet.
Die Behörden machten eine sehr genaue Ausklarierung und ein Trupp Soldaten suchte das ganze Schiff sorgfältig nach eventuellen Stowaways (blinde Passagiere) ab, damit auch nicht ein einziger der vielen hundert Millionen Chinesen sich womöglich heimlich davonmachte. Alles in Ordnung, "Port Clearance" an den Kapitän ausgehändigt, 2 Lotsen an Bord, "Klar vorn und achtern", Schlepper festmachen, Aufkürzen 1+1, Alles Los, Anfang der Reise. Endlich!! Endlich auch Ruhe vor den ewig quakenden Lautsprechern, das war ja fast so schlimm wie heutzutage die Reklame im Fernsehen.

Dann auf dem Strom noch eine Katastrophe. Abends gegen 2200 Uhr rammten wir eine unbeleuchtete Dschunke. Sie sank sofort, die Leute an Bord wurden von einem kleinen Hafenschlepper geborgen.
Mann, Frau, 2 Kinder und ein alter Großvater wie wir später erfuhren. Ein Familienbetrieb wie es üblich war und wahrscheinlich noch heute ist. Alle hatten überlebt, aber die Existenzgrundlage war erst einmal dahin. Ich lag zur Zeit des Unfalls schon in der Koje und wurde wach von dem Getute unseres Typhons. Ich hörte auch die Schreie der Menschen, die an unserer Steuerbordseite entlangtrieben, genau unter meinem offenen Bullauge vorbei. Wir selbst konnten den Leuten auf dem engen Fluss nicht helfen, der Wasserweg war aber sehr belebt mit Booten und kleinen Schiffen; alle konnten gerettet werden. Wir setzten unsere Reise fort, bis wir den schmalen Huang Po verlassen hatten und im Jangtse Kiang ankern konnten. Bevor die Unfallursache eindeutig geklärt war, durften wir eigentlich China nicht verlassen, aber da so etwas erfahrungsgemäß Monate dauern kann, gibt es das Mittel der Kaution oder Sicherheitsleistung. Unser Schiff musste 60000 $ hinterlegen um weiterfahren zu können. Bis das Geld da war, dauerte es nochmals 3 Tage, die von den Chinesen für Verhöre des Kapitäns, des Wachoffiziers und der Wachmatrosen ausgenutzt wurden. Dann durften wir wirklich losfahren und uns auf den Weg nach Nagasaki machen. Auch jetzt waren die Verhandlungen für die nächste Reise noch nicht abgeschlossen und wir dampften mit "Ganz langsam voraus" unserem Zielhafen entgegen.

Distanz 470 sm, bei 6 kn Fahrt gut 3 Tage. Allerdings, es trieben sich gleich 2 Taifune, "Carla" und "Dinah" in der Gegend herum, die konnten natürlich jegliche Reiseplanung gründlich zunichte machen.

Ob wir Nagasaki nun wirklich erreichten, werden wir dann nächstens erfahren.

Tschüss und alles Gute

 

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Philippine Islands

Wir erreichten Nagasaki nicht!
Das lag nicht am Wetter oder etwa an der unüberwindlichen Abneigung der Besatzung, nach Japan zu fahren. Nein, nein, es lag schlicht und ergreifend an der Unfähigkeit der ehrbaren hanseatischen Kaufleute in Hamburg, einen Chartervertrag für eine Reise von Japan nach der Westküste Nordamerikas in einer angemessenen Zeitspanne unter Dach und Fach zu bringen.

Ein neues Ordertelegramm wies den Kapitän an, nunmehr Kurs auf Manila/Philippinen zu nehmen und mit voller Kraft dorthin zu laufen. Höchste Eile sei geboten, da das "Cancelling Date" in genau 4 Tagen, von jetzt an gerechnet, festgesetzt worden sei. Die Zeit musste eingehalten werden, sollten wir das nicht schaffen, würde ein anderes Schiff die Charter bekommen und wir könnten unsere Kreuzfahrt auf der Suche nach Ladung bis auf weiteres fortsetzen. Es handele sich um eine volle Ladung Kopra Expeller in mehreren Partien nach Rotterdam und Hamburg-Harburg. Fertig!

Unter günstigsten Umständen konnten wir das "Cancelling" gerade so eben schaffen. Der Alte fluchte: "Und was ist mit den Taifunen? Die kümmern sich einen Scheißdreck um Kontrakte, die in Hamburg abgeschlossen werden. Zweiter, lassen Sie den Chief bitten, auf die Brücke zu kommen und Sie stellen mir die neuesten Erkenntnisse über Position und erwartete Zugrichtung der beiden Taifune zusammen, der Funker soll sich sorgfältig umhören." Der Alte ging ins Kartenhaus und zeichnete die neuen Kurse in die Karte ein und gab dann die Order: "Neuer Kurs rechtweisend 204°, Maschine voll voraus."

Der Chief erschien auf der Brücke: "Was gibt es Neues  Herr Generalkapitän?" "Lassen Sie das dumme Geschwätz mein Lieber, es wird ernst, wir haben Order für Manila" sagte der Fürst. Um die "Notice of Readiness" rechtzeitig abgeben zu können, müssen wir durchschnittlich 13 Knoten laufen; in Ballast können wir das bei 100% Maschinenleistung und ruhigem Wetter erreichen. Um sicher zu gehen, erwarte ich 110 % so lange es geht, reduzieren können wir immer noch. Der Chief maulte natürlich, denn Normalleistung waren 80-85%, alles was darüber war, erforderte zusätzliche  Inspektionen, Wartungsarbeiten und Berichte an die Reederei. Aber wenn der Alte so entschied, musste er sich fügen. Und schon rauchte der Schornstein.

Taifun "Carla" hatte sich inzwischen zum Supertaifun entwickelt, uns aber schon im Süden passiert und Kurs auf die Insel Hainan im Südchinesischen Meer genommen, der wurde uns also nicht mehr gefährlich. "Dinah" aber lag etwa 600 sm südöstlich von uns noch auf dem offenen Pazifik und lief auf Okinawa zu und konnte uns durchaus noch Ärger bereiten. In dieser Gegend hatten die Wirbelstürme oft ihre Trödelphase, es war die Gegend, wo sich entschied, ob der Sturm auf seiner parabelförmigen Bahn nach Nordosten umbiegen würde, die japanischen Inseln heimsuchte und dann allmählich zu einem normalen Sturmtief degenerierte das dann in Richtung Aleuten abzog, oder ob er geradeaus nach Westen oder Nordwesten weiterzog, an der chinesischen Küste an Land gehen und dort hauptsächlich durch gewaltige Regenmengen große Verwüstungen anrichten, dann aber eines schnellen Todes sterben würde. In diesem Stadium bewegten sich die Taifune nur langsam vorwärts, veränderten manchmal tagelang ihre Position kaum, trödelten eben; es war schwierig, die spätere endgültige Zugbahn vorherzusagen.

Der Kapitän entschied, mit maximaler Leistung auf direktem Kurs zwischen Okinawa und Miyako auf den Balintang Channel zwischen den Batan Inseln und den Babuyan Inseln nördlich Luzon zuzuhalten. Er musste es riskieren und er gewann. Wir blieben gut außerhalb des Sturmfeldes und bekamen nur eine mittelhohe Dünung zu spüren, die uns zwar heftig rollen ließ aber sonst weiter nicht aufhielt. Kurz nach Mitternacht am 23.Oktober 1967 passierten wir die starke Festung Corregidor in der Einfahrt zur Manila Bucht und erreichten unseren Ankerplatz um 0200 Uhr morgens auf meiner Wache.

     
 

Denkmal des Generals MacArthur auf Corregidor ("I shall return", das war sein Versprechen an die Philipinos,
nachdem die Japaner ihn anfangs von Corregidor vertrieben hatten und die Inseln besetzten)

 

Die Notiz konnte noch rechtzeitig zur Büroöffnungszeit telegrafisch an die Agentur übermittelt werden.

Bei Tagesanbruch kamen die Einklarierungsbehörden an Bord, in reichlich bemessener Anzahl, zum Teil bunt uniformiert, viel Goldlitze war an Mützen und Jacken angenäht, geheftet, genietet oder geknöpft um die Bedeutung der Träger hervorzuheben. Es ging laut und lustig zu bei den erforderlichen Amtshandlungen, die üblichen Geschenke (1 Flasche Whisky und 1 Stange Zigaretten) wurden an jeden Teilnehmer der "Boarding Party" zusammen mit vielen Komplimenten ausgehändigt, es gab Sandwiches und Bier und alles ging seinen üblichen, gut geschmierten Gang. Die Zöllner kontrollierten und versiegelten den Zollstore, nicht ohne vorher noch ein paar extra Doceurs beim Steward herauszuschinden; im Gegenzug dazu wurde dann von einer strengen Durchsuchung der Kammern und des übrigen Schiffes abgesehen und dem Alten wurde versichert, dass auch später eine "Schwarze Gang" nicht an Bord kommen würde. So hatte eine Einklarierung abzulaufen und nicht so wie in China mit Schulung und dem sonstigen Unsinn.

Ich durfte mit dem Abgesandten des Abladers durch alle Laderäume toben und ihn davon überzeugen, dass alles blitzblank sauber und geruchsfrei war und er uns seine Ladung ohne Bedenken anvertrauen konnte. Auch hier taten Freundlichkeit und kleine Geschenke das ihrige um Diskrepanzen erst gar nicht aufkommen zu lassen.
Das Schiff wurde freigegeben, die gelbe Flagge eingeholt. Die schon in Lauerstellung liegenden Bargen mit unserer Ladung gingen längsseite, ein Hundertschaft kleiner, flinker Schauerleute klomm an Bord und verteilte sich über die fünf Laderäume. Unsere Besatzung öffnete die Luken, die Ladebäume wurde geriggt, immer je einer über die Luke und einer nach außenbords über die Barge gestellt, die Runner zusammengeschäkelt und statt des üblichen Ladehakens ein großer Kübel eingehängt. In der Barge wurde der Kübel dann von Hand voll geschaufelt, dann über unsere Luke gehievt und der Inhalt dort in den Laderaum gekippt. Unten wurde der Kopraexpeller dann wieder per Schaufel in alle Ecken verteilt. Maschinen kamen nicht zum Einsatz. Die Beladung würde dauern, viele, viele Wochen, wie es aussah.
Post gab es noch keine; da ja bis vor 4 Tagen noch keine Adresse zu Hause bekannt war mussten wir uns alle weiterhin in Geduld üben.

Unsere Janmaaten waren mittlerweile wieder guter Dinge nachdem sie die Nachricht, dass es nun doch nicht nach Japan gehen sollte, anfangs mit großem Unmut aufgenommen hatten und nur noch herummeckerten und nörgelten. Japan war damals bei Seeleuten eines der gelobten Länder, gleichrangig mit Brasilien oder den karibischen Inseln etwa. Die wildesten Sagen und Märchen über  das außerordentliche Entgegenkommen und die Bereitwilligkeit der "Geishas", auch die ungewöhnlichsten Wünsche zu erfüllen, machten die Runde. Die lange Abstinenz machte zudem, dass die Fantasie ein bisschen durchging mit den Jungens. Dagewesen in diesem sagenhaften Heimatland der wundersamen Damen war bis auf den 2. Ingenieur, dem "Henker von London", noch niemand; wer aber glaubte, was der "Henker" alles so erzählte, der würde von der Wirklichkeit wohl arg enttäuscht werden. Nun, Japan musste warten, jetzt war Manila angesagt und auch über diesen Hafen gab es natürlich viel zu erzählen.

Die ersten 3 Tage waren wild, man musste froh sein, wenn morgens genügend Leute an Bord waren um nur die notwendigsten Arbeiten zu besorgen und abends um die Nachtwachen an Deck und in der Maschine ausreichend besetzen zu können. Der Chief Mate und der Chief Ingenieur waren vernünftig genug um die Leute sich austoben zu lassen, sie wussten, dass nach 3 Tagen Ruhe und Ordnung wieder hergestellt sein würden. Dafür gab es 2 gute Gründe, erstens würde das Geld knapp werden und zweitens würden etliche Leute aus Krankheitsgründen vorerst auf einen weiteren Landgang verzichten müssen; die Inkubationszeit für Tripper beträgt 3 Tage. Die Durchseuchung bei den Liebesdienerinnen in Manila war bekanntermaßen sehr hoch. Kondome gab es bei mir zwar umsonst aber die waren bei Seeleuten überhaupt nicht beliebt, man hatte es lieber natürlich. Aids war noch unbekannt. Wenn der Tripper auf See ausbrach, musste der 2. Offz., also ich, sie behandeln, die Spritzen geben und was sonst noch dazu gehörte. Passierte es noch im Hafen, musste der Kranke einem Arzt vorgestellt werden. In den größeren Häfen gab es für Seeleute die sogenannten "Tripperburgen" wo sie kostenlos behandelt wurden.

Also, es kam wie es kommen musste, pünktlich nach 3 Tagen ging es los und die Leute wurden ruhiger.

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Das Manila Hotel

 

Unser Ankerplatz lag genau gegenüber dem prachtvollen Manila Hotel mit seinen markanten grünen Dächern. In diesem Hotel war der große Gustav Gründgens im Jahre 1963 gestorben.

Jetzt, da das Geld bei den Janmaaten knapper geworden war, kam der Wunsch auf, doch auch mal etwas für die Bildung zu tun, eine Tour über Land zu machen zum Beispiel. Also organisierte ich über die sehr hilfreichen Leute vom skandinavischen Seemannsheim einen kleinen klimatisierten Reisebus und einen Führer für eine Tagestour bis zum Lake Taal mit dem Vulkan Taal mitten im See und einem weiteren kleinen See im Krater des Vulkans. Auf dem Weg dorthin sollte Halt gemacht werden auf einer Kokosnussplantage, in einer Jeepneyfabrik und in einer Kirche mit der einzigen Bambusorgel der Welt. Außer 8 Mann unserer Besatzung nahmen noch 2 junge Amerikanische GI's an dem Ausflug teil. Sie waren für 5 Tage von der Hölle des Vietnamkrieges beurlaubt worden.

Die Fahrt ging entlang der vornehmen Seaside Manilas über den Roxas Boulevard, dann durch die elenden und übel riechen riesigen Slums der Vorstädte bis endlich freies Land erreicht wurde. In der damals noch Kleinstadt Las Pinas stand eine kleine Missionskirche noch aus spanischer Zeit und diese Kirche beherbergte die wunderbare Orgel, deren sämtliche über 900 Pfeifen aus Bambusrohr hergestellt waren. Ein spanischer Mönch hatte sie vor etwa 150 Jahren gebaut; wie viele Bambushaine mag er durchforstet haben bis er alle erforderlichen Rohrstärken gefunden hatte, besonders die dicken Basspfeifen mögen ihn viel Zeit gekostet haben. Nun aber war das Instrument alt und baufällig und recht misstönig und wimmerte gar kläglich wenn es bespielt wurde; es bedurfte dringend der Restauration. (1973 wurde die Orgel dann nach Deutschland verschifft und bis 1975 in Bonn restauriert und ist jetzt wieder in Las Pinas zu sehen und mit altem Wohlklang zu hören).

     
Die Bambusorgel (Historisches Bild)   Nach der Restaurierung 1975

Weiter ging es mit dem Bus aufs platte Land zu einer recht großen Kokosplantage, die  auf eine für die Philippinen typische Weise, nämlich in der 4 Stufenkultur, angelegt war. Die Kokospalmen bilden die oberste Stufe, sie sind etwa 20 m hoch und stehen in reichlichem Abstand, als 3. Stufe kommen dann die Bananenstauden mit etwa 5  m Höhe, dann die etwa 2,5 m hohen Papayabäume und ganz unten gedeiht dann noch die Ananas in dichten Reihen. Ein Paradies für Bauern sollte man meinen. Ist es aber nicht, das Land gehört einigen wenigen Grundbesitzerfamilien oder der Kirche, die Bauern sind die ärmsten Teufel im Lande.

Weiter ging es mit dem Bus zu dem Ort, wo aus ordinären, in mancherlei Kriegsläufen schon arg zerschrammten und verbeulten und zum Teil auch mit Einschusslöchern verzierten amerikanischen Jeeps, echte philippinische Jeepneys wurden. Diese knallbunten, mit allerlei barocken Verzierungen aus blankem Chrom und Nickel, mit riesigen Kühlerfiguren in Form von Flugzeugen, Raketen, Cowboys zu Pferde, Statuetten von Elvis oder John Wayne oder auch der heiligen Jungfrau, mit silbernen Fanfaren und samtenen Portieren vor den offenen Seitenfenstern verzierten Jahrmarktsgefährte also, die in Metro Manila den größten Teil des öffentlichen Nahverkehrs besorgten, diese Gefährte entstanden hier aus den ramponierten und ausgemusterten Jeeps. Sie kurvten dann ihre endlosen Runden durch die Stadt, nahmen Fahrgäste auf und setzten sie ab nach Wunsch und Bedarf und das alles für billige 10 Centavos was etwa einem Groschen entsprach.

     
Ein "Jeepney"  frisch aus der Werkstatt   "Jeepneys" im Alltagsbetrieb

Weiter ging es mit dem Bus bis an den wunderschönen Lake Taal in dessen Mitte sich der Vulkan Taal aus dem Wasser erhebt. Im Krater des Vulkans hatte sich wiederum ein kleiner See gebildet. Wir steuerten ein kleines Restaurant an, das an einem Berghang etwa 200 m über dem See lag. Von der Terrasse aus konnten wir die jetzt ganz ruhige und friedliche Szenerie genießen und uns dazu ein kühles "San Miguel" gönnen. Eine Unsitte hatte das Bedienungspersonal hier aber auch adoptiert, ein Eisboy patrouillierte ununterbrochen durch das Lokal und warf Eiswürfel in das Bier, wenn er den Eindruck hatte, es wäre wegen der herrschenden Tropenhitze schon zu warm geworden. Das Bier wurde dadurch natürlich nicht schmackhafter; um dem allgegenwärtigen Eis zu entgehen half nur, das Glas mit einem Bierpricken abzudecken.

     
  Lake Taal mit Vulkankegel  

Die Dunkelheit fiel schnell herein als wir uns auf den Weg zurück an Bord machten und unsere beiden GI's aus Vietnam erzählten uns noch des Langen und Breiten, welchen Lustbarkeiten sie sich am Abend und in der langen Nacht noch hingeben würden; wir gönnten ihnen alles herzlichst, denn bald ging es für sie wieder dorthin, wo gestorben wurde.

Am 2. November begaben wir uns auf die Flucht. Der Supertaifun "Emma" steuerte auf die Philippinen zu und die vorhergesagte Zugbahn ging genau über Manila hinweg. Mit einer Windgeschwindigkeit von 240 km/h (das ist doppelte Orkanstärke) nahe dem Zentrum, war es der stärkste Taifun seit langer Zeit. Alle größeren Schiffe mussten die Häfen verlassen, die auf der vermuteten Zugbahn lagen und versuchen, dem Monstrum so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen. Wenn das nicht glückte, musste der Sturm auf offener See abgewettert werden was immer noch sicherer war als bewegungsunfähig im Hafen zu liegen und womöglich an der Pier zerschmettert zu werden oder vor Anker ins Treiben zu geraten und sich später hoch und trocken irgendwo im Binnenland wiederzufinden

Wir wurden nach Legaspi beordert, um dort die Beladung fortzusetzen; wie sich bald herausstellen sollte, war das keine gute Idee.
Der Kapitän entschloss sich, weit nach Süden auszuweichen und einen Umweg von 200 Meilen oder noch mehr in den Kauf zu nehmen. Wir nahmen also erst einmal Reißaus und dampften auf SSWlichem Kurs auf die Nordspitze der langgestreckten Insel Palawan zu, bogen dann nach Backbord ab in die Zulu See und steuerten die Südspitze von Negros an. Als wir dort am 4.November ankamen, raste "Emma" gerade über Manila hinweg; kurz zuvor musste der Taifun Legaspi voll getroffen haben. Durch die Tanon Straße zwischen Negros und Cebu ging es dann wieder nordwärts um durch die San Bernardino Straße nach Legaspi zu gelangen, wo wir am 5. November mittags unbeschadet anlangten.

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Wir bekamen weder mit der Lotsenstation noch mit der Agentur Funkverbindung, auch über Manila blieben unsere telegrafischen Anfragen unbeantwortet. Das ließ nichts gutes ahnen. Als wir in die Bucht von Legaspi einliefen bei absolut ruhiger See, strahlendem Sonnenschein und ganz klarer und frischer Luft, gaben uns die zersplieserten Wedel und die starke Neigung der stehengebliebenen Kokospalmen nahe des Strandes schon eine Vorahnung von dem, was uns erwartete. Ohne Lotsen näherten wir uns vorsichtig der Stadt; je näher wir kamen desto mehr Trümmerstücke, zerschmetterte Boote, Hütten und große Teile von Holzhäusern, Hausrat und Möbel, Tierleichen und einige Autos, die aus irgendwelchen Gründen noch nicht versunken waren, schwabbelten auf dem verölten Wasser. Menschliche Leichen waren nicht zu sehen. Da der Meeresgrund vor der Stadt aus großer Tiefe erst kurz vor der Küste steil anstieg, mussten wir sehr nahe an die Küste heran, damit der Anker auch Grund fand und halten konnte. Als wir dann endlich sicher am Haken lagen, konnten wir das wahre Ausmaß der Katastrophe erst richtig erkennen. Die Stadt war praktisch flach gelegt, die leichten Hütten der armen Leute und die Holzhäuser der etwas besser Betuchten waren zu fast 100% in ihre Einzelteile zerlegt die in alle 4 Winde verstreut waren; nur einige Bürohäuser und öffentliche Gebäude aus Beton hatten standgehalten. Die meisten Boote (meist Auslegerboote) die  im Hafen lagen, waren zerstört, das Lotsenboot und der einzige Hafenschlepper lagen hoch und trocken auf der Mole, ein etwa 1000 to großes Küstenschiff war bis weit in die Stadt getrieben und lag in einem Wohnviertel auf der Seite.
Die Hafeneinfahrt war unpassierbar, die Verladeanlage, an der wir festmachen sollten, war nicht mehr existent, das Förderband ein wirrer Haufen von verknäueltem Stahl und Gummi. Die Lageschuppen aus Wellblech vom Winde verweht, die Pier aus Holz zerbrochen und die Duckdalben geknickt. Ein Desaster.

Über all diesem Elend thronte majestätisch der perfekte Kegel des großen Vulkans "Mayon" und paffte seine damals gerade friedlichen Rauchwölkchen in die Luft. Das Leiden der Stadt und der Menschen darin war ihm nicht neu, er hatte selbst im Jahre 1814 eine ganze Stadt begraben und 1200 Menschen getötet (Dieser Vulkan hat ja in den letzten Wochen viel von sich reden gemacht, ein großer Ausbruch wurde erwartet, ist bislang aber ausgeblieben, 30000 Menschen wurden evakuiert).

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Der Vulkan Mayon (wenn er friedlich ist)   Der Vulkan Mayon (wenn er böse ist)

Im May werde ich "Philippine Islands" zu Ende erzählen und dann geht's auf Heimreise.
Bis dahin tschüss.

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